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Fjodor M. Dostojewski
Die DĂ€monen
Artemis & Winkler, 2008
Was ist drin?
Ein Roman von einer atemberaubenden Wucht: das Treiben der Nihilisten und Anarchisten im vorrevolutionÀren Russland.
- Roman
- Moderne
Worum es geht
Den Teufel im Herzen
KinderschĂ€ndung, Mord, Massenhysterie â in den DĂ€monen geht es selbst fĂŒr Dostojewskiâsche VerhĂ€ltnisse ausgesprochen dĂŒster zu. Inspiriert von historischen Ereignissen um den skrupellosen Anarchisten und Mörder Netschajew erzĂ€hlt der russische Meisterschriftsteller von einem Generationswechsel mit katastrophalen Folgen. Die liberalen Ideale des alten Hauslehrers Stepan Werchowenskij werden von seinem Sohn Pjotr und seinem SchĂŒler Nikolaj Stawrogin im nihilistischen Rausch zu einer Philosophie des Terrors verzerrt. Nur noch der Untergang liegt ihnen am Herzen, die Zerstörung der bestehenden VerhĂ€ltnisse, die Macht ĂŒber Leben und Tod. Ihre Lust am Bösen wirkt auf die Bewohner einer kleinen russischen Provinzstadt verfĂŒhrerisch. Nikolaj und Pjotr lotsen bald eine Schar williger Gefolgsleute in den sicheren Abgrund. Mit dem Wissen um die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts erscheinen die beiden Figuren aus heutiger Sicht geradezu gespenstisch, nehmen sie doch die verheerende Demagogie eines Hitler oder Stalin vorweg.
Take-aways
- Die DÀmonen ist der am stÀrksten politisch motivierte Roman Dostojewskis.
- Inhalt: Der revolutionĂ€re Nihilist Pjotr Werchowenskij und der ganz und gar amoralische Nikolaj Stawrogin treiben in einer namenlosen russischen Kleinstadt ihr Unwesen. Höhepunkt ihrer Machenschaften ist der Mord an dem Studenten Schatow. Aus Ekel vor dem Leben erhĂ€ngt sich Stawrogin schlieĂlich, wĂ€hrend Pjotr ins Ausland fliehen muss.
- FĂŒr Dostojewski bilden die liberalen Ideale der VĂ€tergeneration den NĂ€hrboden fĂŒr die mörderische Skrupellosigkeit der Söhne.
- Trotz ihrer menschenverachtenden Gesinnung geht von den beiden Nihilisten eine enorme Strahlkraft aus.
- Die historische Vorlage der Geschichte lieferte das Leben des russischen Anarchisten und Mörders Sergei Netschajew.
- Der hochkomplexe Roman ist wegen seiner unĂŒbersichtlichen Handlungsstruktur nicht leicht zu lesen.
- Die kompromisslose Hoffnungslosigkeit der DĂ€monen war fĂŒr die zeitgenössischen Behörden zu viel: Teile des Romans fielen der Zensur zum Opfer.
- SpĂ€ter wurde Dostojewski fĂŒr seine Analyse der politischen ZusammenhĂ€nge gefeiert: Albert Camus hielt nicht Karl Marx, sondern ihn fĂŒr den wahren Propheten.
- Joseph Goebbels stellte seiner Dissertation ein Zitat aus den DĂ€monen voran.
- Zitat: âKann man an den Teufel glauben, wenn man nicht an Gott glaubt?â
Zusammenfassung
Ehen und eheÀhnliche ZustÀnde
In einem StĂ€dtchen nahe St. Petersburg lebt Stepan Werchowenskij, der sich seit 22 Jahren von der Generalleutnantswitwe Warwara Stawrogina aushalten lĂ€sst. Nachdem Stepan ursprĂŒnglich als Hauslehrer auf Warwaras Gut angestellt worden war, entwickelte sich im Lauf der Zeit eine eheĂ€hnliche Beziehung zwischen den beiden. Offen eingestanden haben sie sich ihre Liebe jedoch nie. Stepan kokettiert mit seinen revolutionĂ€ren Ăberzeugungen, ist insgeheim den russischen Traditionen aber zu sehr verhaftet, als dass er einen sozialistischen Umsturz des Landes befĂŒrworten wĂŒrde.
âEine Zeit lang hieĂ es von uns in der Stadt, unser Kreis sei eine PflanzstĂ€tte der Freigeisterei, der Ausschweifung und der Gottlosigkeit (...). Und dabei plauderten wir doch nur auf ganz unschuldige, liebenswĂŒrdige, echt russische, lustige und liberale Art miteinander.â (S. 43)
Warwara hĂ€ngt sehr an ihrem Sohn Nikolaj Stawrogin. Er ist als Leutnant bei der Kavallerie in Petersburg, von wo beunruhigende GerĂŒchte in das StĂ€dtchen dringen: Nikolaj umgebe sich mit Bettlern und SĂ€ufern, habe SpaĂ daran, die feine Gesellschaft zu beleidigen, und gehe keinem Streit oder Duell aus dem Weg. Bei einem Besuch im StĂ€dtchen packt er den eitlen Pawel Gaganow an der Nase und zieht ihn vor aller Augen hinter sich her. Als Nikolaj sich in Paris mit Lisa Tuschina anfreundet, reist Warwara ihrem Sohn gemeinsam mit der Magd Darja Schatowa nach, um die Hochzeit zu arrangieren. Doch sie hat wenig Erfolg: Nikolaj bĂ€ndelt mit Darja an, und Lisa reagiert höchst eifersĂŒchtig. Damit die Magd der Hochzeit ihres Sohnes nicht lĂ€nger im Weg steht, kehrt Warwara in ihr StĂ€dtchen zurĂŒck und versucht Darja mit Stepan zu verheiraten. Der stimmt tatsĂ€chlich zu, ist jedoch tief beleidigt, dass nicht Warwara selbst ihn heiraten will und ihn lediglich fĂŒr ihre Zwecke benutzt.
Die heimliche Braut
Drei junge MĂ€nner, die in Petersburg gemeinsam mit Nikolaj ihre revolutionĂ€ren Theorien entwickelt haben, treffen in der Stadt ein: Pjotr Werchowenskij, Stepans Sohn, hat infolge seiner aufrĂŒhrerischen TĂ€tigkeiten bereits aus Petersburg fliehen mĂŒssen. Alexej Kirillow will eines Tages Selbstmord begehen: Nur wer es wage, sich umzubringen, könne den Schmerz des Lebens ĂŒberwinden und wirklich frei sein. Iwan Schatow ist im Unterschied zu den anderen beiden ein stiller und moralischer Mensch, der sich von den radikalen UmsturzplĂ€nen zurĂŒckgezogen hat. Sowohl Kirillow als auch Schatow wohnen im Haus des Hauptmanns Lebjadkin. Dessen verkrĂŒppelte und geisteskranke Schwester Marja hĂŒtet ein Geheimnis: Sie ist seit Nikolajs wilden Petersburger Tagen dessen Ehefrau.
â(...) wie kommt das nur, dass alle diese fanatischen Sozialisten und Kommunisten gleichzeitig so unglaublich geizig, habgierig und eigennĂŒtzig sind, und zwar umso mehr, je ĂŒberzeugter sie von ihren sozialistischen Ideen sind ... wie kommt das nur?â (Stepan Werchowenskij, S. 95)
GerĂŒchte ĂŒber diese Ehe erreichen schlieĂlich Warwara. Als Marja nach einem Kirchbesuch vor ihr auf die Knie fĂ€llt, lĂ€dt sie die Frau aus Mitleid zu sich nach Hause ein. Die Stimmung ist gespannt, da niemand weiĂ, wie mit der behinderten Marja umzugehen ist. Lisa ist zugegen, ebenso Schatow, Pjotr und die Magd Darja. Hauptmann Lebjadkin taucht ebenfalls auf, er scheint plötzlich in Lisa verliebt zu sein und trĂ€gt ein peinliches Gedicht vor. Als auch Nikolaj den Raum betritt, fragt Warwara ihn rundheraus, ob er mit Marja verheiratet sei. Er leugnet die Ehe. Schatow verpasst ihm dafĂŒr vor versammelter Gesellschaft eine Ohrfeige, worauf Lisa einen nervösen Zusammenbruch erleidet.
Aus Lust am Bösen
Als Nikolaj einige Tage spĂ€ter bei Schatow vorspricht, wirft dieser ihm vor, er habe die behinderte Marja aus nihilistischen Motiven geheiratet: nicht aus Liebe, sondern aus Freude am Tabubruch und aus reiner Lust am Bösen. Die beiden MĂ€nner diskutieren ĂŒber Atheismus und Sozialismus. Die Arbeit mĂŒsse dem Volk Gott ersetzen, formuliert Schatow.
âDie volle Freiheit wird dann da sein, wenn es ganz gleich sein wird, leben oder nicht leben. Das ist fĂŒr alles das Ziel.â (Kirillow, S. 138)
Nikolaj besucht auch Lebjadkin und Marja im Stadtteil auf der anderen Seite des Flusses. Auf dem Weg dorthin begegnet ihm der entlaufene StrĂ€fling Fedjka, der ihm fĂŒr Geld seine Dienste anbietet. Nikolaj weist ihn zurĂŒck. Dem Hauptmann Lebjadkin erklĂ€rt er, dass er seine Ehe öffentlich machen und Marja vielleicht sogar zu sich ins Haus holen wolle. Lebjadkin, der bisher von Nikolaj Unterhaltszahlungen fĂŒr Marja erhalten hat, ist entsetzt. Nikolaj bietet Marja an, mit ihr gemeinsam in die Schweiz zu gehen, wo er in aller Abgeschiedenheit mit ihr leben will. Sie jedoch hat jeden Bezug zur RealitĂ€t verloren und sitzt halluzinierend da. Nikolaj lĂ€sst sie zurĂŒck und begegnet noch einmal dem StrĂ€fling Fedjka. Rasend vor Wut schlĂ€gt er den Mann nieder und wirft dann in einer verrĂŒckten Anwandlung 50 Rubel in die Luft. Fedjka versteht das Geld als Bezahlung dafĂŒr, dass er Lebjadkin und Marja umbringen soll.
Anarchisten am Werk
Am nĂ€chsten Tag wird Nikolaj zum Duell gefordert â von Artemij Gaganow, dessen Vater er einst wortwörtlich an der Nase herumgefĂŒhrt hat. Der Herausforderer ist zu zornig, um einen gezielten Schuss abzufeuern. Nikolaj schieĂt mehrmals gleichgĂŒltig in die Luft. Unverrichteter Dinge verlassen die Kontrahenten den Ort des Geschehens, und Nikolaj setzt fĂŒr sich eine neue Lebensmaxime fest: Er will nicht mehr töten.
âHĂ€tte ihn jemand ins Gesicht geschlagen, so hĂ€tte er, glaube ich, den Beleidiger gar nicht erst zum Duell gefordert, sondern ihn auf der Stelle erschlagen; gerade zu diesen Naturen gehörte er, und er hĂ€tte mit vollem Bewusstsein getötet, und keineswegs deshalb, weil er auĂer sich gewesen wĂ€re.â (ĂŒber Nikolaj, S. 240)
Pjotr freundet sich mit Julija Michajlowna von Lembke an, die ihn bald fĂŒr seine revolutionĂ€ren Theorien vergöttert. Ihr Mann, Gouverneur von Lembke, ist eifersĂŒchtig, hofft jedoch von Pjotr Hinweise auf einen evtl. bevorstehenden politischen Aufstand zu erhalten. Pjotr nutzt die Gelegenheit, seinen Vater anzuschwĂ€rzen: Stepan sei der Drahtzieher aller politischen Intrigen. Von Lembke lĂ€sst daraufhin dessen Haus durchsuchen.
âBereden Sie vier Mitglieder des Komitees, das fĂŒnfte zu ermorden, unter dem Vorwand, dass jenes ein VerrĂ€ter sei, und sogleich werden Sie durch das vergossene Blut alle wie mit einem Tau zusammenketten. Sogleich werden alle Ihre Sklaven sein (...). Ha-ha-ha!â (Nikolaj zu Pjotr, S. 456)
Pjotr organisiert ein verschwörerisches Treffen. In einem GesprĂ€ch mit Nikolaj erklĂ€rt er seinen Plan. Er will landesweit Gruppen von jeweils fĂŒnf Aktivisten bilden, die im Untergrund arbeiten und Anarchie verbreiten sollen. Der Mord an dem gemĂ€Ăigten Schatow soll der Anfang sein. Wenn ganz Russland im Chaos zu versinken drohe, solle Nikolaj als FĂŒhrer die Macht an sich reiĂen. Der Angesprochene scheint jedoch wenig Interesse an Pjotrs Ideen zu haben.
Nikolajs Beichte
Nikolaj sucht in einem Kloster den Bischof Tichon auf. Er beichtet, wie er in Petersburg ein zwölfjĂ€hriges MĂ€dchen verfĂŒhrt und in den Selbstmord getrieben und wie er anschlieĂend aus Wut auf sich selbst die hĂ€ssliche und verrĂŒckte Marja geheiratet hat. Nikolaj erklĂ€rt, dass er an den Teufel glaube, aber nicht an Gott. Der Bischof erwidert, ein ĂŒberzeugter Atheist sei ihm immer noch lieber als jemand, dem alles gleichgĂŒltig ist.
âKann man an den Teufel glauben, wenn man nicht an Gott glaubt?â (Nikolaj, S. 508)
Die Arbeiter einer Fabrik ziehen zu einer friedlichen Demonstration vor das Haus des Gouverneurs. Weil von Lembke eifersĂŒchtig ist auf Pjotr und all die jungen RevolutionĂ€re, mit denen sich seine Frau Julija neuerdings umgibt, lĂ€sst er die Versammlung niederknĂŒppeln. Julija trifft mit einer Clique von nihilistischen Tunichtguten im Haus ihres Mannes ein. Sie will ein groĂes Literaturfest veranstalten, um den neumodischen Theorien eine BĂŒhne zu bieten. Auch Lisa ist anwesend und spricht Nikolaj an: Sie bekomme unablĂ€ssig Briefe vom Hauptmann Lebjadkin, der ihr ein Geheimnis verraten wolle. Nikolaj gibt daraufhin öffentlich zu, dass er seit fĂŒnf Jahren mit Lebjadkins Schwester Marja verheiratet ist. Der Skandal in dem StĂ€dtchen könnte nicht gröĂer sein.
Die Stadt brennt
Das literarische Fest findet statt, und das ganze StĂ€dtchen nimmt daran teil. Es kommt jedoch zu mehreren ZwischenfĂ€llen. Hauptmann Lebjadkin ist betrunken und trĂ€gt ein beleidigendes Spottgedicht auf Julija vor. Der alternde Schriftsteller Karmasinow hĂ€lt eine selbstverliebte Endlosrede und langweilt das Publikum zu Tode. Stepan spricht sich in groĂvĂ€terlichem Ton gegen die Revolte und fĂŒr die Kunst aus. Und ein unbekannter Unruhestifter wiegelt die GĂ€ste dermaĂen auf, dass es zu Handgreiflichkeiten kommt.
âJede auĂerordentlich schĂ€ndliche, maĂlos erniedrigende, gemeine und vor allem lĂ€cherliche Lage, in die ich wĂ€hrend meines Lebens gekommen bin, hat neben einem grenzenlosen Zorn einen unglaublichen Genuss in mir erregt.â (Nikolaj, S. 514)
Als zweiter Teil des Festes soll am Abend ein Ball stattfinden. Julija lĂ€sst sich von Pjotr ĂŒberreden, die Veranstaltung trotz des Debakels am Morgen nicht abzusagen. Die Feierlichkeiten werden allerdings bald von einer Schreckensnachricht gestört: Jemand hat ein Feuer gelegt â der Stadtteil auf der anderen Seite des Flusses brennt. Ganze StraĂenzĂŒge werden vernichtet. Gouverneur von Lembke wird von einem herabfallenden Balken getroffen und verletzt. Dann eine weitere UnglĂŒcksbotschaft: Hauptmann Lebjadkin und Marja werden ermordet aufgefunden.
âIch habe sie nicht getötet und war dagegen, aber ich wusste, dass man sie töten wĂŒrde, und hielt die Mörder nicht zurĂŒck.â (Nikolaj ĂŒber Marja und Lebjadkin, S. 668)
Nikolaj geht zu Lisa und versucht sie davon zu ĂŒberzeugen, mit ihm die Stadt zu verlassen. Er gesteht, dass er an dem Mord an seiner Frau Marja nicht unschuldig ist: Er hat davon gewusst und die Tat nicht verhindert. Lisa ist schockiert. Sie eilt an den Tatort und wird dort als Nikolajs neue Geliebte erkannt â fĂŒr die Marja hat sterben mĂŒssen. Das Volk stĂŒrzt sich auf sie, und Lisa kommt nur knapp mit dem Leben davon.
Schatows kurzes GlĂŒck
Die von Pjotr gegrĂŒndete FĂŒnfergruppe befĂŒrchtet, mit dem Mord und der Brandstiftung in Verbindung gebracht zu werden. Pjotr behauptet, Schatow plane, die Gruppe am nĂ€chsten Tag anzuzeigen. Daraufhin wird dessen Tod beschlossen. Als SĂŒndenbock fĂŒr den Mord wird Kirillow geradestehen: Er soll nach der Tat sein Vorhaben, sich selbst umzubringen, verwirklichen und sich in einem Abschiedsbrief zu dem Mord an Schatow bekennen. Bei Kirillow trifft Pjotr auf Fedjka. Pjotr war es, der den StrĂ€fling mit dem Mord an Marja und Lebjadkin beauftragt hatte, er bezahlte ihn aber nie. Fedjka schlĂ€gt Pjotr nieder und entkommt. Dieser schwört Rache, und kurz darauf wird Fedjka erschlagen aufgefunden.
âEin jeder Ihrer Schritte fĂŒhre vorlĂ€ufig nur dazu, dass alles zusammenstĂŒrze, sowohl der Staat als auch seine Moral. Dann werden nur wir ĂŒbrig bleiben, die wir uns von vornherein zur MachtĂŒbernahme bestimmt haben.â (Pjotr zu den Nihilisten, S. 755)
Schatow bekommt Besuch von seiner Ehefrau Marie, die er seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hat. Er ist glĂŒcklich ĂŒber die Begegnung, denn er liebt sie noch immer. Von den Verschwörern der FĂŒnfergruppe wird Schatow fĂŒr den nĂ€chsten Tag in einen Park bestellt unter dem Vorwand, er solle eine Druckerpresse zurĂŒckgeben, die er noch aus der Zeit besitzt, als er sich selbst fĂŒr die Revolution engagiert hat.
â(...) aber aus mir ist immer nur die Negation geströmt, ohne jede GroĂmut und ohne jede Kraft.â (Nikolaj, S. 833)
Marie geht es nicht gut. Sie ist, wie sich herausstellt, hochschwanger. Schatow ist aufgeregt, glĂŒcklich, verwirrt. Er besorgt eine Hebamme, und seine Frau bringt einen Sohn zur Welt. Schatow und Marie können das Wunder der Geburt kaum fassen und glauben nun an das Gute im Menschen. Am selben Abend geht Schatow in den Park, um die Druckerpresse zurĂŒckzugeben. Er wird von der FĂŒnfergruppe niedergeschlagen und von Pjotr mit einem Schuss in die Stirn ermordet.
Abschied vom Leben
Pjotr geht zu Kirillow, um dessen Selbstmord beizuwohnen. Kirillow, der von der Geburt von Schatows Sohn und von dem GlĂŒck des wiedervereinten Ehepaares weiĂ, weigert sich jedoch zunĂ€chst, das GestĂ€ndnis zu unterschreiben. Erst nach einer langen Diskussion tut er es doch: Er glaubt, dass er mit dem Selbstmord gottgleich werden und ĂŒber alle Wahrheit erhaben sein wird. Er tötet sich mit einem Schuss in die SchlĂ€fe. Pjotr reist Richtung Petersburg.
âDie starke Seidenschnur, mit der sich Nikolaj Wsewolodowitsch erhĂ€ngt hatte, war offenbar vorher zu diesem Zweck besorgt und ausgewĂ€hlt worden; sie war dick eingeseift. Alles deutete auf Vorbedacht und Ăberlegung bis zum letzten Augenblick.â (S. 835)
Auch Stepan hat die Stadt verlassen. Er wandert bis in das ĂŒbernĂ€chste Dorf, dann wird er krank. Die BibelverkĂ€uferin Sofia Matwejewna pflegt den fremden Mann, da sie ihn nicht allein sterben lassen will. Stepan findet in seiner Krankheit zum Glauben an Gott. Warwara kommt ihm schlieĂlich nachgereist, setzt sich an sein Krankenbett, und nach ĂŒber 20 Jahren gestehen sich die beiden ihre Liebe. Warwara ist schockiert ĂŒber Stepans Zustand. Sie lĂ€sst einen Arzt aus der Stadt kommen, doch es ist zu spĂ€t. Stepan stirbt nur wenige Tage danach.
Ohne jede Hoffnung
Marie entdeckt den Leichnam Kirillows. Sie ahnt, dass auch ihrem Mann etwas geschehen sein muss, und rennt voller Verzweiflung mit ihrem Kind in die KĂ€lte hinaus. Der SĂ€ugling wird krank und stirbt, Marie verliert das Bewusstsein und stirbt nach drei Tagen ebenfalls.
Der Postbeamte Ljamschin, einer von Schatows Mördern, kann mit seiner Schuld nicht leben und legt bei der Polizei ein umfassendes GestĂ€ndnis ab. Die GeheimbĂŒndler werden festgenommen. Der flĂŒchtige Pjotr wird als HaupttĂ€ter und Initiator aller Verbrechen erkannt.
Nikolaj schreibt einen Brief an die Magd Darja, in dem er sie fragt, ob sie mit ihm in der Schweiz den Rest seines Lebens verbringen möchte. Sie will den Antrag annehmen. Als sie jedoch gemeinsam mit Warwara in seine Wohnung eilt, hat Nikolaj sich aufgehĂ€ngt. Er selbst sei schuld, niemand sonst, heiĂt es in seinem Abschiedsbrief.
Zum Text
Aufbau und Stil
Dostojewskis Roman ist in drei BĂŒcher unterteilt. Das erste ist vergleichsweise arm an Handlung und erzĂ€hlt vor allem aus der Vergangenheit der zahlreichen Figuren, sodass der Leser deren Beziehungen und Eigenarten kennen lernt. Im zweiten Buch werden die Konflikte zwischen den Charakteren zugespitzt, woraufhin sie im dritten Buch schlieĂlich zum Ausbruch kommen und in die Katastrophe fĂŒhren. ErzĂ€hlt wird der Roman aus der Sicht Anton Lawrentjewitschs, eines Freundes von Stepan Werchowenskij. Lawrentjewitsch ist, so stellt er sich selbst dar, ein eher ungeĂŒbter ErzĂ€hler. Und tatsĂ€chlich hat der Leser zuweilen Probleme, ihm zu folgen: Die Aufregung, die zitternden HĂ€nde oder die OhnmachtsanfĂ€lle der Figuren werden detailliert beschrieben â ohne dass der Leser so recht weiĂ, was eigentlich vor sich geht. Immer wieder ist geheimnisvoll die Rede von âdem, was wir besprochen habenâ, oder âdiesem Brief, von dem ich Ihnen erzĂ€hlt habeâ. Dostojewski treibt in den DĂ€monen das fĂŒr ihn typische Verfahren des Spannungsaufbaus auf die Spitze. Er zögert die Preisgabe wichtiger Informationen so lange wie möglich hinaus, erklĂ€rt etliche ZusammenhĂ€nge und Lösungen nur nebenbei oder verdeckt. Der hochkomplexe Roman ist darum nicht leicht zu lesen und verlangt vom Leser viel Aufmerksamkeit. Trotz der dĂŒsteren Handlung gelingen Dostojewski ein fein ironischer Ton und eine satirische Darstellung der russischen Gesellschaft, die durchaus auch ihre amĂŒsanten Seiten hat.
InterpretationsansÀtze
- Im Zentrum des Romans steht der Nihilismus: Die Gruppe um Pjotr Werchowenskij will die Zerstörung der bestehenden VerhĂ€ltnisse ohne jede RĂŒcksicht auf Verluste. Sie begrĂŒĂt das Elend in den unteren Bevölkerungsschichten und will es sogar noch vergröĂern: Denn nur so wachse die Unzufriedenheit der Menschen, die sich schlieĂlich nach einem FĂŒhrer sehnen und sich von den Nihilisten steuern lassen wĂŒrden.
- Verantwortlich fĂŒr die WillkĂŒr der Nihilisten macht Dostojewski den Liberalismus der VĂ€tergeneration. Stepan Werchowenskij liebĂ€ugelt Zeit seines Lebens mit radikalen Theorien, ohne jedoch Taten folgen zu lassen. Als Hauslehrer gibt er seine Geisteshaltung bedenkenlos an die nĂ€chste Generation weiter â die dann ohne Unrechtsbewusstsein tatsĂ€chlich nach der Macht greift.
- Paradoxerweise wohnt den zerstörerischen Idealen der jungen Nihilisten eine groĂe Faszination und Lebenskraft inne. Sogar von seinem Selbstmord redet Kirillow noch mit sprĂŒhender IntensitĂ€t. Diese gefĂ€hrliche BegeisterungsfĂ€higkeit tritt im Roman deutlich hervor: Die Freude an der Zerstörung wirkt ansteckend, sie wird zu einem gesellschaftlichen PhĂ€nomen, zu einer Modewelle.
- Nikolaj Stawrogin verkörpert die Dekadenz: Ihm stehen alle Möglichkeiten offen, er ist aus bestem Hause, intelligent und derart charismatisch, dass ihm die Welt zu FĂŒĂen liegt. Genau in dieser Vollkommenheit liegt jedoch sein Problem. Er hat das Leben durchschaut und empfindet nur noch Ekel. Er wird getrieben von der Sehnsucht nach dem Untergang, der fĂŒr ihn kein gesellschaftliches Ziel, sondern die persönliche Vollendung darstellt. Entsprechend erhĂ€ngt er sich schlieĂlich auĂerordentlich stilvoll: mit einer Seidenschnur.
Historischer Hintergrund
Der russische Nihilismus
Mit dem Regierungsantritt von Zar Alexander II. im Jahr 1855 begann in Russland eine Zeit gesellschaftlicher UmbrĂŒche. Die Bauern wurden aus der Leibeigenschaft befreit, die staatliche Zensur wurde gelockert. Eine Bildungsreform trat in Kraft, in deren Folge Frauen und Ă€rmere Bevölkerungsschichten â zumindest vorĂŒbergehend â an den Schulen und UniversitĂ€ten zugelassen wurden. Die philosophische Strömung, die den theoretischen Hintergrund der Entwicklungen im Land lieferte, bezeichnete Iwan Turgenjew in seinem Roman VĂ€ter und Söhne als Nihilismus. Dessen AnhĂ€nger vertraten freiheitliche und radikaldemokratische Positionen und lehnten sich gegen die Normen der alten Adelsgesellschaft auf. Jegliche Form von AutoritĂ€t â Staat, Kirche oder Familie â wurde abgelehnt. Es sollte ein von allen ZwĂ€ngen emanzipierter Mensch entstehen.
Die GrĂŒndungsphase des Nihilismus in den 1850er Jahren war von einer sehr optimistischen Stimmung geprĂ€gt. Obwohl die gesellschaftliche Sonderstellung des Adels durch die Reformen infrage gestellt wurde, war zumindest auch die junge Generation wohlhabender Kreise an den neuen Idealen interessiert. Es war Mode, sich schwarz zu kleiden, sich an der intellektuellen Diskussion zu beteiligen und sich fĂŒr die Gleichberechtigung von Mann und Frau einzusetzen. In der zweiten, revolutionĂ€ren Phase des Nihilismus in den 60er Jahren kam es dann allerdings zu starken sozialen Unruhen im Land. Die Studenten demonstrierten, in St. Petersburg wurden mehrere BrĂ€nde gelegt. Ein erstes Attentat auf den Zaren im April 1866 lieĂ dessen Sympathien fĂŒr die Reformbewegung deutlich schwinden. Die Zensur wurde strenger als zuvor wieder eingefĂŒhrt und man etablierte ein umfassendes Polizeisystem. Als Reaktion darauf radikalisierte sich die nihilistische Strömung zu einer tatsĂ€chlichen revolutionĂ€ren Bewegung. Es kam zu zahlreichen weiteren AnschlĂ€gen auf politische Amtsinhaber. Zar Alexander ĂŒberlebte zwei Angriffe im Jahr 1879, bevor er im MĂ€rz 1881 einem Sprengstoffanschlag zum Opfer fiel. Als Nihilisten wurden zu diesem Zeitpunkt bereits nur noch politisch eher orientierungslose Mörder und Verbrecher bezeichnet.
Entstehung
Wie kaum ein anderer Roman Dostojewskis basiert Die DĂ€monen auf historischen Tatsachen. Zwar hat der Autor die tatsĂ€chlichen Geschehnisse bearbeitet, die Vorlagen aus der russischen Geschichte sind jedoch deutlich zu erkennen. Als Vorbild fĂŒr die Figur des Pjotr Werchowenskij diente der russische RevolutionĂ€r Sergei Netschajew, der sich Mitte der 1860er Jahre in St. Petersburg an den Studentenunruhen beteiligte und sich spĂ€ter im Exil in der Schweiz mit dem anarchistischen Philosophen Michail Bakunin anfreundete. Gemeinsam mit Bakunin verfasste er sein politisches Programm, den RevolutionĂ€ren Katechismus. Im August 1869 kehrte Netschajew nach Russland zurĂŒck, verbreitete seinen Katechismus und grĂŒndete die Untergrundorganisation Narodnaja Rasprawa (âStrafgericht des Volkesâ). Wie Pjotrs Geheimbund in den DĂ€monen bestand auch Netschajews Clique lediglich aus einer FĂŒnfergruppe â der er zunĂ€chst den Glauben an eine internationale Verschwörung auf Basis unzĂ€hliger solcher Gruppen vermitteln konnte. Als es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten kam und der Student Iwan Iwanow den Bund verlassen wollte, ereignete sich jene Katastrophe, die Dostojewski drei Jahre spĂ€ter zum dramatischen Höhepunkt seines Romans verarbeiten sollte: Iwanow wurde von Netschajew und den anderen Gruppenmitgliedern verprĂŒgelt und erschossen. Netschajew setzte sich nach dem Mord in die Schweiz ab, wurde von den dortigen Behörden jedoch 1872 nach Russland ausgeliefert und starb zehn Jahre spĂ€ter im Zuchthaus in St. Petersburg. Auch einige andere Figuren des Romans sind nach historischen Vorbildern gestaltet.
Wirkungsgeschichte
Die extreme Hoffnungslosigkeit des Romans war fĂŒr den zeitgenössischen Leser starker Tobak. Das Kapitel âBei Tichonâ etwa, in dem Nikolaj Stawrogin den Missbrauch des zwölfjĂ€hrigen MĂ€dchens beichtet und dessen Selbstmord schildert, wurde von den Behörden als moralisch verwerflich und blasphemisch eingestuft und zensiert. Noch heute ist das Kapitel in einigen Ausgaben der DĂ€monen lediglich im Anhang zu finden.
Nach der Jahrhundertwende wurde Dostojewskis Roman nicht selten wie ein philosophischer Text gelesen. Der französische Existenzialist Albert Camus, der das Werk fĂŒr die BĂŒhne bearbeitete, stellte die Bedeutung Dostojewskis sogar ĂŒber die von Karl Marx. FĂŒr Camus nahmen die im Roman beschriebenen gesellschaftlichen Strukturen prophetisch die politische Katastrophe des 20. Jahrhunderts vorweg. In diesem Zusammenhang geradezu gruselig ist die Tatsache, dass der spĂ€tere Propagandaminister der Nationalsozialisten, Joseph Goebbels, seiner Dissertation ein Zitat aus den DĂ€monen voranstellte: âVernunft und Wissen haben im Leben der Völker stets nur eine zweitrangige (...) Rolle gespielt.â
Ăber den Autor
Fjodor M. Dostojewski wird am 11. November 1821 als zweites von acht Kindern in einem Moskauer Armenhospital geboren. Nach einer Jugendzeit in Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen tritt er 1838 gemeinsam mit seinem Bruder in die St. Petersburger MilitĂ€rakademie ein. Hier zeigt sich bereits sein schriftstellerisches Talent. Nach Abschluss des Studiums wird Dostojewski 1843 im Kriegsministerium angestellt. Dort hĂ€lt es ihn aber nicht lange: Trotz massiver finanzieller Probleme quittiert er den Dienst bereits ein Jahr spĂ€ter. Sein Ziel: Schriftsteller zu werden. Sein Erstling, der Briefroman Arme Leute (1846), macht ihn schlagartig berĂŒhmt. Die intensive Arbeit an weiteren Werken und die Versagensangst fĂŒhren zu ersten epileptischen AnfĂ€llen. 1849 wird er wegen Mitgliedschaft im revolutionĂ€ren Petraschewski-Kreis, einer Art Geheimbund, zum Tod verurteilt. BuchstĂ€blich in letzter Sekunde, bereits auf dem Richtplatz, wird er jedoch vom Zaren begnadigt und zu vier Jahren Zwangsarbeit sowie vier Jahren MilitĂ€rdienst verurteilt. WĂ€hrend der Zeit in Sibirien bekehrt er sich zum christlichen Glauben. 1854 lernt er Marja Dimitrijewna kennen, die er 1857 heiratet. Nach Beendigung des MilitĂ€rdienstes kehrt er 1859 nach Moskau zurĂŒck. Die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, eine Beschreibung seiner Verbannung nach Sibirien, erscheinen 1861 in der von Dostojewski gegrĂŒndeten Zeitschrift Vremja. Im nĂ€chsten Jahr unternimmt er seine erste Europareise und ein Jahr darauf die zweite. Dostojewski ist ein Spieler, der sich wegen seiner Sucht hoch verschuldet. Nach der dritten Europareise erscheint 1866 der Roman Schuld und SĂŒhne in der Zeitschrift Russkij vestnik. Der Roman Der Spieler wird im selben Jahr veröffentlicht. Bis 1871 reist Dostojewski auf der Flucht vor seinen GlĂ€ubigern durch Europa und hĂ€lt sich unter anderem in Florenz auf, wo er seinen Roman Der Idiot verfasst. Die Romane Die DĂ€monen (1871) und Die BrĂŒder Karamasow (1879) werden groĂe Erfolge. Am 9. Februar 1881 stirbt Dostojewski in St. Petersburg an den Folgen seiner Epilepsie und einem chronischen Lungenleiden.
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